broder, berlin, 9.2.2oo1
herrn paul spiegel düsseldorf
lieber herr spiegel,
wie geht es ihnen? was machen sie so in diesen turbulenten tagen?
ich hatte gehofft, sie am dienstag in der jüdischen
gemeinde bei der diskussion mit peter novick zu sehen,
der sein buch "nach dem holocaust" vorstellte. leider
waren sie verhindert. wie ich am nächsten tag den
klatschspalten der berliner zeitungen entnehmen
konnte, mussten sie an der verleihung der "goldenen
kamera" teilnehmen, im rahmen der von ihnen
mitgegründeten initiative gegen rechts "gesicht
zeigen!". ich habe für solche prioritäten volles
verständnis. wenn ich einen smoking hätte, würde ich
auch das bedürfnis haben, ihn gelegentlich
vorzuführen.
aber wo waren sie am tag darauf, am mittwoch, als
norman finkelstein sein buch "die holocaust-industrie"
vor fast 1ooo besuchern in der "urania" präsentierte?
außer einigen hundert hysterischen finkelstein-fans
waren auch ein paar junge leute da, die nicht nur ihre
gesichter zeigten. sie trugen transparente, auf denen
sie finkelstein widersprachen:
"Holocaust-Industrie: Siemens, Deutsche Bank, IG
Farben" und "Deutsche Täter sind keine Opfer".
ich hatte fest damit gerechnet, sie bei der
finkelstein-vorstellung zu treffen. ich hatte gehofft,
sie würden aufstehen und aus dem publikum heraus ein
paar richtige sätze sagen. ich hätte sie ihnen
notfalls auf einem zettel aufgeschrieben. aber sie
waren einfach nicht da. welche wichtige party stand
am mittwoch in ihrem terminkalender? das goldene
lenkrad? die goldene krawattennadel? der goldene
turnschuh?
sie haben es ihrem ghostwriter rafael seligmann
überlassen, finkelstein zu widersprechen, und der tat
es so, wie eine maus einer schlange paroli bietet:
durch wegducken. dafür grinste er hochmotiviert,
sobald er sah, dass eine kamera auf ihn gerichtet war.
eine spitzenleistung in der disziplin "gesicht
zeigen!"
es ist mehr als bedauerlich, dass sich ihr beitrag zur
finkelstein-debatte auf die äußerung beschränkt hat,
es wäre besser, wenn das buch nicht erscheinen würde.
der piper verlag hat daraus gleich einen pr-gag
gemacht, allerdings ohne sie, herr spiegel, beim namen
zu nennen.
vielleicht sollten sie wenigstens dagegen
protestieren. denn beim "gesicht zeigen!" kommt es
wirklich auf jedes komma an.
sehen wir uns bei der "goldenen untertasse"?
weiterhin viel spaß beim "gesicht zeigen!"
ihr
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